Esel im Stall

„Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef,
dazu das Kind in der Krippe liegen.“
Weihnachtsgeschichte, Lukas 2,16

Menschen wohnen in Häusern – Tiere so wie wir, also Ochs und Esel, sind in einem Stall untergebracht. So funktioniert die Welt. Bisher… Bis zu dem Moment als unsere Stalltür aufging. Ein junges Paar mit einem erschöpften Esel kam herein, hatte es irgendwie plötzlich ganz eilig und kurz darauf wurden wir Zeuge einer Geburt. Der Wirt hatte sie bei uns einquartiert, in unserem einfachen, windschiefen und zugigen Stall.
Und als ich dann mitbekam, um wen es sich da handelt, da dachte ich, jetzt ist die Welt endgültig aus den Fugen! Nicht nur, dass die beiden mit letzter Kraft hier in Bethlehem angekommen waren und ich ihnen ein weiches Bett, gutes Essen und eine warme Stube gegönnt hätte – nein, sie wollten genau hier auch noch ihr Kind zur Welt bringen, den von Gott auserwählten König. Maria sollte also nicht in einem Königspalast und auch nicht in einem vornehmen Gasthaus ihr Kind zur Welt bringen, sondern in einem Stall, in einer erbärmlichen Unterkunft für einfache Tiere – das soll einer verstehen!
Aber das hatte wohl dieser Erzengel Gabriel so verkündet – und dann soll es eben auch so sein; wer wird denn schon die Weisungen eines Engels missachten…

Aber mit dem Trubel, der dann folgte, haben wir wirklich nicht gerechnet. Es wurde mit jeder Stunde irgendwie immer verrückter.
Plötzlich ging die Stalltür auf und Hirten standen im Raum; ja, Hirten…man hat es gleich gerochen! Wer hätte das gedacht – die ersten Gäste des neugeborenen Königs waren einfache, arme und – Verzeihung: stinkende – Hirten.
Da hatte ich ja eigentlich ein paar edlere Herren erwartet…naja, die kamen dann ja später auch noch…

Irgendwann wurde es dann aber glücklicherweise auch wieder etwas ruhiger um uns.
Die Futterkrippe, die eigentlich für den Ochsen und mich gedacht war, ist nun ein prima warmes und bequemes Bettchen für das Jesuskind; und auch Josef und Maria haben sich mit den Geschenken ein wenig eingerichtet.
Und ich begreife langsam, was für einen König ich hier beherberge und bewache.
Dieses Kind, so besonders es auch ist, lebt ganz einfach; hier bei den einfachen und ärmlichen Leuten; da, wo keiner freiwillig hingehen würde…hier, wo es ungemütlich und kalt und dunkel ist und auch nicht so besonders gut riecht…hier ist sein Platz und genau diesen Platz macht er zu einem besonderen, heiligen, wertvollen Ort – und alle Menschen und Tiere, die bei ihm sind, auch! Was für eine Nacht! Und ich bin ganz nah dabei…

Lied: „Stern über Bethlehem“
2. Stern über Bethlehem, bleib bei uns stehn. Du sollst den steilen Pfad vor uns her gehen! Führ uns zu Stall und zu Esel und Rind; Stern über Bethlehem, führ uns zum Kind!