Ochs
„Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus,
das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.“
Weihnachtsgeschichte, Lukas 2,17

Ochs und Esel waren schon vorher drin. Es war ihr Stall.
Sie, die den Menschen bedienen, ihn durchs Leben tragen, ihn nähern sollten. Auf ihren Rücken packte der Mensch, was nur eben drauf ging, die Lasten, die Schläge, ohnmächtige Reaktionen seiner Wut. Sie waren Nutztiere und hatten keine Fürsprecher.
Die, die dann zu ihnen in den Stall kamen, anscheinend auch nicht.
Der Mann, ein Tagelöhner, ein landloser Arbeiter, ein „Nobody“ aus der nördlichen Provinz Galiläa, jener verrufenen Gegend, die niemand ohne Not als Heimat wählte. Seine Verlobte, die heute, ihrer Visionen wegen, vermutlich in der Psychiatrie gelandet wäre, brachte auch nur das mit, was sie am Leib und in einer Umhängetasche tragen konnte. Und ihr Kind, ihr gemeinsames Kind, das bald geboren werden sollte: unehelich. Jesus – Gott ist Rettung.
Und dann kommen die Viehhirten, verdreckt, verschmutzt, verschwitzt, verlaust, knien sie vor dem Kind und beten zu Gott. Weihnachten geschieht!
„Keiner soll draußen bleiben, wenn Gott uns vorlebt, Mensch zu werden, Mensch wie Er!“
Der Ochs spitzt die Ohren. Er versteht kein Wort. Oder doch?

Lied: „Vom Himmel hoch, da komm ich her“
9. Ach Herr, du Schöpfer aller Ding, wie bist du worden so gering, dass du da liegst auf dürrem Gras, davon ein Rind und Esel aß!
Ev. Gesangbuch, Nr. 24,9

Wenn du dich satt gesehen hast
an dem schönen Kind in der Krippe,
geh noch nicht fort:
Mach erst seine Augen zu deinen Augen,
seine Ohren zu deinen Ohren
und seinen Mund zu deinem Mund.
Mach seine Hände zu deinen Händen,
sein Lächeln zu deinem Lächeln
und seinen Gruß zu deinem Gruß.
Wenn du dich satt gesehen hast
an dem schönen Kind in der Krippe,
geh noch nicht fort!

Marisa Roos