Hirte
„Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.“
Weihnachtsgeschichte, Lukas 2,15

Wir Hirten gelten als raue Gesellen, die kaum Gefühle zeigen. Wir werden nicht wirklich geliebt und erscheinen auch nicht sonderlich liebenswürdig. Was für ein Irrtum!
Gottes Liebe zu uns ist anscheinend so groß, dass er uns zu den ersten Zeugen von Jesu Geburt gemacht hat. Ein Umstand, der unser Leben und unser Selbstverständnis seitdem gehörig durcheinanderwirbelt – und das alles in nur einer Nacht…
Immer wieder muss ich an diese besondere Nacht denken. Und immer, wenn wir mit unseren Herden wieder vor Bethlehem lagern, sitzen wir nachts am Feuer und erzählen uns von dem Wunder…
Am Anfang war das so unwirklich: Wir Hirten wie immer mitten auf dem Feld, schon etwas müde; uns fröstelte und so saßen wir am Feuer und erzählten uns Geschichten aus alten Zeiten – und dann kamen sie, die himmlischen Heerscharen. Der Himmel war voll von ihnen – lauter Engel; himmlischer Gesang und doch ehrfürchtige Ruhe; Jubel und Trubel und andächtige Stille – alles gleichzeitig… Wir waren geradezu geblendet von ihrem Licht, ihrer Herrlichkeit – und dann der Auftrag: Geht nach Bethlehem und bestaunt das Wunder, das dort geschehen ist! – Und wir rannten einfach los! Unglaublich! Wir sollten den neugeborenen König als erste in dieser Welt begrüßen – das ließen wir uns nicht zweimal sagen, denn wann sind wir schon mal irgendwo die ersten…wir sind immer die letzten…wir werden meistens vergessen, übergangen, ignoriert…
Und dann waren wir dort… Erst war es uns peinlich, dass wir gar keine Geschenke dabei hatten. Aber was sollten wir auch mitbringen? Reichtümer besitzen wir nicht…Aber das war auch gar nicht wichtig. Das spielte gar keine Rolle als wir da waren. Natürlich gaben wir ihnen Schaffelle und wir merkten: was für uns wenig ist, behandeln sie wie einen kostbaren Schatz. Und da fühlte ich mich Groß und Klein zugleich – wichtig und unbedeutend zugleich – aber auf jeden Fall geborgen und geliebt. Und irgendwie fühlte ich mich, als würde ich beschenkt werden. Das war ein starkes Gefühl.
Gott kommt zuerst zu uns! Wir, die keiner so richtig mag; mit denen man wirklich nicht tauschen möchte, stehen plötzlich im Rampenlicht. Wir werden zu Beauftragten Gottes.
Gott erwählt uns, die wir im Einklang mit der Natur, voller Ehrfurcht vor der Schöpfung, den Elementen ausgeliefert leben. Wir müssen geduldig sein, warten können, ein Gespür für den richtigen Ort und den richtigen Moment haben. Gott wählt Menschen aus, die Zeit haben zum Zuhören und Wahrnehmen und Geschehenlassen…Was für ein Geschenk!

Lied: „Kommet ihr Hirten“
1. Kommet, ihr Hirten, ihr Männer und Fraun, kommet, das liebliche Kindlein zu schaun, Christus, der Herr, ist heute geboren, den Gott zum Heiland euch hat erkoren. Fürchtet euch nicht!
Ev. Gesangbuch, Nr. 48,1